Konstruktion von Geschlechterrollen – Warum die Frauenquote vorhandene Vorurteile bestätigt und nicht beseitigt. Ein Essay

Der nachfolgende Text ist ein Essay, welches ich für das Seminar „Einführung in die Kulturwissenschaften“ eingereicht hatte. Möglicherweise ist manche Position davon bereits nicht mehr aktuell, andere waren vielleicht nicht richtig. Es sind auch eher Gedanken und weniger ausführlich recherchierte Fakten. Für eine Diskussion zum Thema bin ich gern verfügbar. Für Schmähkommentare hingegen nicht.

Mit einer gewissen Regelmäßigkeit wird die öffentlich geführte Debatte pro und contra Frauenquote seit Jahren immer wieder in Politik und Medien thematisiert, ohne dabei einen signifikanten Schritt voran zu kommen. Zuletzt hatte Familienministerin Dr. Kristina Schröder die deutsche Wirtschaft mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung – der so genannten Flexi-Quote – dazu bringen wollen, mehr Frauen in Führungspositionen zu befördern. Dennoch sind auch heute noch gerade mal drei Prozent der Vorstandsmitglieder in den 200 größten deutschen Unternehmen weiblich. Die freiwillige Verpflichtung ohne rechtliche Verbindlichkeit hat offensichtlich nicht funktioniert.[1] Ein neuer Vorstoß von EU-Justizkommissarin Viviane Reding soll eine Frauenquote jetzt europaweit vorschreiben.[2]

Allerdings sollte dabei zunächst bedacht werden, was eine Frauenquote überhaupt bedeuten würde. Dazu soll sich dieses Essay mit dem Text „Kulturwissenschaften und Geschlechterforschung“ von R. Hof befassen, um anhand dessen die Konstruiertheit von Geschlecht und Geschlechterrollen aufzuzeigen und Schlüsse möglich zu machen, die ein neues Licht auf die Forderung nach einer Quote für Frauen in der Arbeitswelt werfen könnten.

Zunächst stellt Hof in seinem Text fest, dass mit der gesellschaftlichen Gleichstellung von Mann und Frau auch eine Revision des kompletten Prozesses zur Wissensproduktion erfolgen müsse, da bisher Phänomene vernachlässigt wurden, die aus Sicht der Frauen erklärungswürdig seien. Viele der vorhandenen Gesellschaftstheorien wären lediglich aus den Verallgemeinerungen männlicher Forscher abgeleitet und die geschlechtsspezifischen Machtverhältnisse innerhalb der Kultur wären so gut wie gar nicht berücksichtigt.[3] An dieser Stelle wird bereits festgehalten, dass das Verhältnis der Geschlechter ein geschichtlich geprägtes Ordnungsmuster sei und nicht kausalen Ursprungs aufgrund einer naturgegebenen Klassifizierung.[4]

Weiter geht Hof auf die Feministische Philosophie von Herta Nagl-Docekal ein, die den Begriff gender als „Angriff auf die Verknüpfung von körperlichen Geschlechtsmerkmalen mit sozialen Normen“ ansieht.[5] Sie stellt auch fest, dass der Rückgriff auf die Natur als Erklärung für die Ordnung der Geschlechterrollen eher eine Scheinargumentation ist, keine Erklärung für die vorgeblich notwendige Folge dieser Ordnung. Denn, so Nagl-Docekal, „die Tatsache, daß[!] eine Norm formuliert wird, setzt bereits die Einsicht voraus, daß[!] das Geschlechtsleben der Menschen eben nicht von Natur aus determiniert ist.“[6] Hof schließt aus dieser Aussage, dass eine Ableitung des gesellschaftlichen Verhaltens aus dem biologischen Geschlecht nicht möglich ist, sondern diese vielmehr losgelöst voneinander existieren. Das soziale Geschlecht wäre aus dieser Sichtweise heraus ein Konstrukt, erzeugt durch Sozialisierung, nicht durch biologische Faktoren. Die Annahme eines bestimmten sozialen Geschlechts erfolgt also vielmehr aufgrund des vorgelebten Verhaltens des eigenen Umfeldes in Bezug auf die jeweilige Person, allein festgemacht an ihrem biologischen Geschlecht. Die einem bestimmten biologischen Geschlecht zugeschriebenen Verhaltensweisen und Eigenschaften sind nach Michel Foucault demnach auch folglich auf der Basis von Traditionen und kulturellen Überlieferungen zu verstehen. Ebenfalls ist unter dieser Annahme zu sehen, dass die Natürlichkeit der Heterosexualität, also der Zweigeschlechtlichkeit, ein konstruiertes Denkmuster ist, um eine Art Urzustand zu schaffen, an dem Veränderungen und Abweichungen gemessen werden können.[7] Dabei wurde, so Hof, von Seiten der Biologie bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass eine Zweigeschlechtlichkeit mit zwei festen Extrema eine stark verallgemeinerte Sichtweise wäre. Realistischer ist die Betrachtung, dass zwischen den beiden Polen unendlich viele Zwischenstufen existieren würden.

Unabhängig davon weist Hof darauf hin, dass bei allen bis dahin gemachten Betrachtungen zwei wesentliche Sichtweisen existieren würden: die Sexualität und damit auch das soziale Geschlecht kann entweder nur biologisch determiniert oder aber kulturell zugesprochen sein. Wenn aber wie bereits erwähnt angenommen werden kann, dass die Normierung eines Geschlechts gleichbedeutend mit der Schaffung einer zugesprochenen Rolle ist, lässt sich eigentlich bereits ausschließen, dass diesem Geschlecht zugesprochene Eigenschaften und Rollen biologisch vorgeben sind.

In dieser Hinsicht lässt sich dann auch die Frage stellen, inwieweit die Einführung einer Frauenquote zur Verbesserung der Gleichstellung von Mann und Frau führen soll. Denn letztlich wird durch die Normierung einer verpflichtenden stärkeren Anstellung von Frauen auch erst die Unterschiedlichkeit der biologischen Geschlechter hervorgehoben. Das Gegenteil soll aber eigentlich der Fall sein.

Gleichzeitig wirft es die berechtigte Frage auf, ob bei der Entscheidung für die Einstellung einer Frau für eine gegebene Arbeitsstelle vorrangig ihre Qualifikation eine Rolle gespielt hat – was einer gleichberechtigten Entscheidung entsprechen würde – oder ob ihr Geschlecht entscheidend war. Nach rein betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten wird die für Personalentscheidungen zuständige Person aber angehalten sein, einen Personalstamm aus möglichst qualifizierten Personen aufzubauen. Sind zwei Bewerber auf eine Stelle unterschiedlich geeignet, gebietet die Logik eigentlich, die Person einzustellen, die dem Unternehmen den größten Zugewinn verspricht – egal welchen Geschlechts diese Person auch sein mag.

Fakt ist aber auch, das dennoch gerade in technischen Berufen, aber auch in Verwaltungsfunktionen noch immer verhältnismäßig wenige Frauen beschäftigt werden. Ob dieses Missverhältnis an der tatsächlichen oder zugesprochenen Minderqualifikation weiblicher Bewerber liegt, bleibt natürlich ohne umfassende Untersuchungen spekulativ.

Nicht fraglich hingegen ist, dass noch immer zu wenig Aufklärungsarbeit in den Schulen und Hochschulen betrieben wird, um nicht nur den weiblichen Studierenden zu vermitteln, dass sie nachweislich einen genauso großen Beitrag leisten können, sondern auch zukünftigen und aktuell beschäftigten Personalentscheidenden eben genau zu derselben Erkenntnis zu verhelfen.

Diesen latenten oder verdeckten Sexismus zu erkennen und zu bekämpfen ist aber vermutlich fruchtlos, solange die Rollenbilder der Geschlechter weitergegeben werden. Denn darauf basiert Sexismus: Das bewusste und unbewusste Zuschreiben und Weitergeben von vermeintlich naturgegebenen und unveränderlichen Eigenschaften und, daraus folgend, zugeschriebenen gesellschaftlichen Positionen. Jede Abweichung davon wird als Eingriff in die Stabilität des gesellschaftlichen Systems verstanden und mit mehr oder weniger unbewusster Aggressivität bekämpft, unabhängig davon ob mit körperlichen oder emotional-moralischen Angriffen. Auch Verweise auf die Tradition oder behauptete körperliche Defizite stellen eine Form von Angriff dar, sollen sie doch letztendlich nur der Zementierung der Vorurteile und der gleichzeitigen Herabsetzung dienen.

Löst also eine gesetzlich vorgeschriebene – und damit eine nicht freiwillig von der gesamten Gesellschaft angenommene und praktizierte Handlung – Frauenquote das Problem der Ungleichbehandlung der Geschlechter? Oder stellt sie doch vielmehr nur eine Ablenkung von den tatsächlich zugrunde liegenden gesellschaftlichen Problemen bei den Geschlechterrollen dar? Behandelt sie damit einem fiebersenkendem Mittel gleich eher das Symptom und weniger die Ursache?

Literaturliste:

Amann, Melanie / Oberhuber, Nadine: Was Frauen wollen – und können, 15.03.2012, auf: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kampf-um-die-quote-was-frauen-wollen-und-koennen-11679343.html, abgerufen am 17.03.12.

Hof, R.: Kulturwissenschaften und Genderforschung. In: A. u. V. Nünning (Hg.): Konzepte der Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven. Stuttgart 2003, 329-339.


[1] Sofern sie überhaupt jemals als funktionierendes Werkzeug dienen sollte und nicht nur als Nebelkerze.

[2] Amann / Oberhuber 2012.

[3] Hof 2003: S. 330.

[4] Ebd. S. 331.

[5] Ebd. S. 335.

[6] Ebd.

[7] Ebd. S. 336.