Dilemma

Was jetzt kommt, ist kein Rant. Ich hoffe auch, dass es nicht wie #mimimi verstanden wird. Ich möchte einfach nur meine Gedanken niederschreiben zu etwas, was mir schon ein wenig zu Denken gegeben hat.

Am 24.02.14 wurde ich vom Landesvorstand Sachsen-Anhalt der Piratenpartei beauftragt, die Ausschreibungen für die verschiedenen Beauftragten zu formulieren, zu verbreiten, sowie Bewerbungen darauf anzunehmen und gegebenenfalls bei einer erfolgten Beauftragung die Bewerber zu informieren.
Bereits einige Zeit vorher ist der Landesvorstand dazu übergegangen, Bewerbungen für eine Beauftragung anonym anzunehmen, so dass allein die niedergeschriebene Qualifikation entscheiden sollte und nicht persönliche Meinungen über die Bewerber. So sollte Chancengleichheit hergestellt werden.
Natürlich ist dieses System nicht frei von Fehlern. Personen, die sich in der Vergangenheit bereits negativ hervorgetan haben oder die eine negative gemeinsame Vergangenheit mit Mitgliedern des Vorstandes haben, könnten so unter dem Deckmantel der anonymen Bewerbung Beauftragen erhalten, die sie bei direkter Bewerbung nicht erhalten hätten.

Am 04.03.14 wurde ich von der Vorstandsvorsitzenden gebeten, eine Ausschreibung für eine bis drei Stellen für die Mailinglisten-Moderation auszuschreiben, da der bisherige Moderator seine Beauftragung zurückgeben wollte. Diese Ausschreibung veröffentlichte ich, wie angewiesen, auf der Aktiven- und der Ankündigungsliste sowie im Wiki, nachdem ich den Ausschreibungstext von der Vorstandsvorsitzenden hatte absegnen lassen. Die Ausschreibung sollte bis zum 18.03. laufen. Bis zum 17.03. war keine Bewerbung eingegangen. Auf der Mailingliste fragte ein Mitglied nach dem Stand der Dinge und ich leitete die Frage an den Vorstand weiter, da nicht unbedingt gewährleistet war, dass alle Bewerbungen direkt auf meine Mailadresse erfolgen würden. Man teilte mir mit, dass zu diesem Zeitpunkt keine Bewerbungen eingegangen waren und ich teilte dies auf der Mailingliste mit.
Am Abend des 17.03. erfolgte dann eine Bewerbung von Seiten des Mitgliedes, welches auch die Frage auf der Mailingliste gestellt hatte. Das Mitglied bewarb sich stellvertretend für sich und ein weiteres Mitglied als Moderatoren-Team direkt auf meine Mailadresse mit der Bitte, die Bewerbung anonym zu behandeln. Dem Ausschreibungstext folgend hatte das Mitglied sämtliche geforderten Angaben in der Form kommentiert, dass die notwendigen Kompetenzen für die Eignung als Mailinglisten-Moderation gewährleistet waren. Daher leitete ich die Bewerbung anonymisiert, das heißt, ohne personenbezogene Daten, an den Vorstand weiter.

Gewissermaßen auf den letzten Drücker erfolgte dann noch eine weitere Bewerbung von einem weiteren Mitglied. Diese war zwar textlich weniger umfangreich als die erstgenannte, aber nichtsdestotrotz war sie für eine Weiterleitung aussagekräftig genug. Auch dieses Mal erfolgte die Weiterleitung anonymisiert.

So. Ab hier wird es dann etwas problematisch. Denn die Bewerbung des Moderatoren-Teams barg durchaus einiges an metaphorischen Sprengstoff. Eines der beiden Mitglieder war zuvor bereits auf der Mailingliste gesperrt. Wie oft, weiß ich nicht aus dem Kopf und da ich mir nicht vorwerfen lassen will, Behauptungen aufzustellen, kann ich nur sagen, dass die Anzahl der Sperrungen wenigstens eins war. Außerdem gilt dieses Mitglied schon seit längerer Zeit als schwierig und in seiner Kommunikationskultur durchaus als grenzwertig. Nachträglich wurde mir auch zu dem anderen Mitglied mitgeteilt, dass wohl auch dort ein Antrag auf Sperrung vorlag oder vorgelegen hätte. Genaueres kann ich dazu nicht sagen, ohne Vermutungen anzustellen. Daher gehe ich davon aus, dass dieses Mitglied zumindest bis dahin nicht gesperrt ist oder war.

Da ich über die Beauftragung als Ausschreibungsbeauftragter angehalten war, anonyme Bewerbungen auch als solche zu behandeln, konnte ich natürlich nichts davon an den Vorstand herantragen, ohne Grundsätze der Partei zu verletzen, die anonyme Zuschriften jeder Art als schützenswert betrachtet. Hätte ich auch nur den Hauch einer Andeutung von Beeinflussung gemacht, hätten die Bewerber diese Verletzung des Rechts auf Anonymität durchaus vor das Landesschiedsgerichts bringen können. Natürlich ist mir bewusst, dass die Konsequenzen nicht zwangsläufig ernster Natur gewesen wären – sehr viel ernstere Verletzungen von Parteigrundsätzen haben bei einem Parteiausschlussverfahren gegen ein anderes Landesverbandsmitglied auch nicht zu einem Ausschluss geführt. Allerdings habe ich es als meine Pflicht angesehen, meine Integrität zu wahren und die Vorsätze, die die Partei als solche hochhält, auch im Inneren anzuwenden.

Wie hätte ich auch weiterhin fordern können, dass keine Verhandlungen hinter verschlossenen Türen abgehalten werden und dass keine politischen Entscheidungen ohne Nennung der Gründe erfolgen dürfen, wenn ein Bekanntgeben – und sei es nur im kleinen Kreis des Vorstandes – der Bewerberidentitäten dazu geführt hätte, eine Entscheidung zu treffen, ohne die Gründe zu nennen? Denn diese Gründe hätten nicht genannt werden können, handelte es sich doch um eine anonyme Bewerbung.

Und genau darin lag auch mein Dilemma ab dem Moment, zu dem diese Bewerbung eintraf und keine objektiven Gründe gegen die anonymisierte Bewerbung sprachen. Ja, die beiden Personen – und das war mir zu dem Zeitpunkt sehr wohl bewusst – würden auf wenig Gegenliebe seitens des Vorstandes treffen, sobald die Identitäten bekannt würden. Aber eben weil diese anonymisierte Bewerbung eingeführt wurde, um Chancengleichheiten herzustellen, konnte und durfte ich die eigentlichen Gründe, die eine Ablehnung potentiell gerechtfertigt hätten, nicht preisgeben. Zum anderen stand mir dieses Recht auch gar nicht zu. Ich sollte lediglich die Form der Bewerbung objektiv vorprüfen, nicht aber die subjektive Eignung der Bewerber.
So oder so: Mir wird jetzt angelastet, ich hätte Vertrauen missbraucht, ich hätte warnen müssen, ich hätte den Landesvorstand getrollt. Weil ich das getan habe, was von mir verlangt wurde.

Das tut wirklich weh. Weil ich es richtig machen wollte. Und es damit richtig falsch gemacht habe.

Wie hättet ihr an meiner Stelle entschieden?